Was bedeutet Familie – und wer gehört dazu? Eine Familienfotografin denkt laut nach

Für alle, die mich gerade zum ersten Mal besuchen: Ich bin dokumentarische Familienfotografin in Berlin. Das bedeutet, ich begleite Menschen durch eine der prägendsten Phasen ihres Lebens – mit der Kamera, aber vor allem mit viel Aufmerksamkeit für das, was zwischen ihnen passiert. Für das Chaos, die Zärtlichkeit, die müden Augen, das Lachen beim Frühstück.

Seit einer ganzen Weile bringt mich das Wort, das in meinem Berufstitel steckt, ins Grübeln. Familie. Was fotografiere ich da eigentlich? Und was bedeutet dieser Begriff – für meine Kundinnen, aber auch für mich persönlich?

Ich habe mich auf die Suche nach Antworten gemacht und dabei einiges entdeckt, das mich wirklich überrascht hat.

Familie – eine soziologische Spurensuche

Ein Mythos vorab

Erstmal räumen wir einen Mythos aus dem Weg: Das Bild von Familie, das viele von uns im Kopf haben – Mama, Papa, Kind, verheiratet, gemeinsam unter einem Dach –, gilt oft als das Ursprüngliche. Als hätte es das schon immer so gegeben.

Hat es aber nicht. Die Soziologin Prof. Anja Steinbach zeigt in einem Essay in „Aus Politik und Zeitgeschichte“, dass dieses Familienideal eine historische Ausnahmesituation in den 1950er und 1960er Jahren war – und dass es faktisch alle Familienformen, die wir heute kennen, auch schon vor einigen hundert Jahren gab. Das traditionelle Kleinfamilienmodell ist also kein Urzustand, sondern ein historischer Sonderfall. 1

Was Familie ausmacht – drei Kernelemente

Also: Was ist Familie dann? Steinbach nennt drei Kernelemente, die Familien von anderen Lebensformen unterscheiden. Auch Dr. Romy Simon greift diese im socialnet-Lexikon auf, einer wissenschaftlichen Open Source-Plattform für das Sozial- und Gesundheitswesen. 2

Lass mich das kurz für dich aufdröseln.

Biologisch-soziale Doppelnatur
Familien erfüllen gleichzeitig biologische und soziale Aufgaben: Kinder aufziehen, füreinander sorgen, sich gegenseitig schützen, emotionale Bedürfnisse befriedigen. Besonders spannend finde ich dabei den Begriff der sozialen Elternschaft: Elternteil ist, wer im Alltag tatsächlich Verantwortung übernimmt – wer kocht, tröstet, begleitet. Also nicht zwingend die Personen, die das Kind gezeugt haben. Die Übernahme der alltäglichen Fürsorge und Verantwortung für das Kind generiert somit eine Familie.
Generationendifferenzierung
Das ist das Kriterium, das mich am meisten zum Nachdenken gebracht hat. Soziologisch gehören zur Familie immer mindestens zwei Generationen. Ein Paar ohne Kinder gilt soziologisch also nicht als Familie, auch wenn sie natürlich als Kinder ihrer Eltern, als Geschwister oder als Tanten und Onkel in familiale Kontexte eingebunden sind. Aber dazu komme ich gleich.
Besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis
Familien sind durch eine ganz bestimmte Art von Zusammenhalt gekennzeichnet. Die verschiedenen Rollen – Vater, Tochter, Enkel und so weiter – sind mit bestimmten Erwartungen verbunden, die zwar zeit- und kulturabhängig variieren können, aber immer eigene Kooperations- und Solidaritätsbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern definieren. Einfacher gesagt: Familienmitglieder tragen füreinander langfristig Verantwortung – auf eine besondere, verbindliche Art.

Welche Familienformen gibt es?

Auf Basis dieser drei Kriterien ergibt sich ein viel breiteres Bild als das Klischee. Neben der Kernfamilie mit verheirateten oder unverheirateten Eltern gelten laut Steinbach als Familien auch:

Einelternfamilien
Patchworkfamilien (auch Stieffamilien), die sich aus ursprünglich verschiedenen Familien neu zusammensetzen
gleichgeschlechtliche/Regenbogen-Familien
Adoptivfamilien
Pflegefamilien

Und noch etwas betonen beide Quellen: Familien sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern gesellschaftlich variable Konstrukte – was als Familie gilt, hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. 3

Co-Parenting: wenn Elternschaft und Liebesbeziehung nichts miteinander zu tun haben

Eine Familienform, die ich besonders faszinierend finde, weil sie die Vielfalt heutiger Lebenswirklichkeiten so gut abbildet, ist das Co-Parenting.

Dabei entscheiden sich zwei oder mehr Menschen bewusst dazu, gemeinsam Eltern zu werden, ohne eine romantische Beziehung miteinander zu führen. Im Mittelpunkt steht der gemeinsame Wunsch nach einem Kind und die Bereitschaft, Verantwortung für dessen Leben zu übernehmen. 4

Das können zwei Freund:innen sein, je ein schwules und ein lesbisches Paar, eine Single-Frau und ein Single-Mann – die Konstellationen sind so vielfältig wie die Menschen dahinter. Manche kennen sich schon lange, andere lernen sich gezielt kennen, weil sie denselben Wunsch haben. Was sie eint: die Bereitschaft, Erwartungen, Werte und Vorstellungen von Elternschaft offen zu besprechen – und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sie kein Paar sind und vielleicht nicht einmal zusammenwohnen.

Ich finde, das zeigt sehr schön, worum es bei Familie im Kern geht: nicht um rechtliche oder biologische Verbindungen, sondern um gegenseitige Fürsorge, geteilte Verantwortung und Vertrauen.

Aber reicht das als Definition?

Was bedeutet Familie?
Was bedeutet Familie? Für mich persönlich ist es mein Partner.

Wo ich persönlich nicht mitgehe

Ich finde die soziologische Perspektive wirklich aufschlussreich und nehme viel davon mit. Aber an einem gewissen Punkt bildet sie nicht mehr meine eigene Lebenswirklichkeit ab: beim Generationenkriterium.

Mein Partner und ich haben keine Kinder. Soziologisch betrachtet sind wir also keine Familie. Ich empfinde das aber ganz anders – er ist meine kleine Familie, zu der natürlich auch meine Herkunftsfamilie gehört, die ich liebe. Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen, hatte also immer viel Familie um mich herum. Und trotzdem glaube ich: Das Gefühl der Zugehörigkeit braucht keine zwei Generationen, um echt zu sein.

Und damit bin ich nicht allein.

Familie ist ein Gefühl

Genderdings.de, ein Portal des vom bpb-geförderten Vereins Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V., bringt es auf den Punkt: Menschen, die sich als Familie fühlen, sind auch eine Familie. 5

Ein schönes Beispiel dafür ist die Serie „Shrinking“, die ich wirklich sehr mag. Im Mittelpunkt stehen Jimmy, ein Therapeut, und seine Tochter Alice, die nach einem tödlichen Unfall Frau bzw. Mama verloren haben. Was die Serie so besonders macht: Die Nachbarin Liz, die Kolleginnen und Kollegen, die Freund*innen – sie alle sind füreinander da, passen aufeinander auf, lachen und weinen zusammen. Es gibt keine klassische Mama-Papa-Kind-Konstellation und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlt sich das, was diese Menschen miteinander haben, wie Familie an. Gefunden, nicht geboren.

Die Serie zeigt: Familie kann auch Wahlfamilie sein – eine Gemeinschaft, die nicht durch Biologie entsteht, sondern allein durch Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge. Für manche ist eine Wahlfamilie besonders wichtig – sei es wegen Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie, wegen Verlusten oder Entfremdung. Oder einfach, weil Menschen in ihr Leben getreten sind, die sich anfühlen wie Familie, ohne dass es dafür einen dramatischen Grund bräuchte.

Vielleicht ist das auch bei dir so. Vielleicht ist deine Familie auch eine Wahlfamilie, mit der du dich tief verbunden fühlst, der du vertraust und die für dich da ist – unabhängig davon, ob ihr verwandt seid, zusammenwohnt oder einen gemeinsamen Nachnamen tragt.

Ich erkenne die soziologische Definition an – und ich finde sie wichtig. Aber auf der persönlichen, emotionalen Ebene greift für mich der Begriff der Wahlfamilie viel tiefer. Denn Familie ist am Ende vor allem eines: ein Gefühl.

Was das mit meiner Arbeit zu tun hat

Gerade weil mir dieser weite Familienbegriff so am Herzen liegt, ist es mir wichtig zu sagen: Bei mir sind alle Familien mit Kindern willkommen – in all ihren Formen und Konstellationen. Denn darauf habe ich mich spezialisiert: auf Fotobegleitungen in Berlin während der Schwangerschaft, im Wochenbett und im Alltag mit Kind(ern). Das ist mein Herzensthema, und ich liebe meine Arbeit mit den kleinen Wirbelwinden um mich herum.

Deine Familie, so wie sie ist

Ob ihr die klassische Kernfamilie seid, eine Patchworkfamilie, eine Regenbogenfamilie, oder ob ihr als Co-Eltern gemeinsam ein Kind großzieht – bei mir findet kein klassisches Fotoshooting statt, bei dem alle brav in die Kamera lächeln. Stattdessen gibt es nur meine Kamera, eure Familie und mich – ohne Posen, ohne abgestimmte Outfits, ohne Schnickschnack. Weil ich überzeugt bin, dass das echte Leben die besten Geschichten schreibt.

Du bist neugierig geworden? Dann schau dir gern mein Portfolio an oder melde dich direkt bei mir.

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