Aus 600 mach 60: Warum die Bilder, die du nie siehst, genauso wichtig sind wie die, die du bekommst

Ein Blick hinter die Kulissen der Bildsichtung – und was das über dokumentarische Familienfotografie erzählt

Als dokumentarische Familienfotografin gibt es bei mir kein Posen, kein Inszenieren, kein Warten bis alle bereit sind. Ich folge dem, was in deiner Familie gerade passiert – im Wochenbett, in der Schwangerschaft, im ganz normalen Dienstagabend-Chaos, mit allem, was das echte Leben mitbringt. Und das echte Leben bringt so einiges mit. Auch für meine Speicherkarte.

Bei einer typischen dreistündigen Begleitung entstehen bei mir zwischen 500 und 600 Aufnahmen. Was du am Ende als Link zu deiner persönlichen Onlinegalerie bekommst, sind 50 bis 80 Bilder. Was passiert mit dem Rest? Der wird aussortiert. Wie das genau funktioniert und warum es eben nicht einfach „löschen“ ist, erfährst du in diesem Artikel.

Welche Bilder rausfliegen – und warum

Während eines Familien-Fotoshootings – sei es klassisch im Studio oder, wie bei mir, während einer dokumentarischen Begleitung – entstehen natürlich auch unbrauchbare Fotos. Alles andere wäre gelogen. Das ist ganz logisch und kein Weltuntergang. Aber eine Hauptaufgabe von Familienfotografinnen ist es daher, alle gemachten Bilder zu sichten und die weniger gelungenen in der Nachbereitung auszusortieren.

Hier sind vier Gründe, weshalb ich Fotos aussortiere:

1. Wenn der Fokus falsch ist

Ein Teil der Bilder verschwindet aus einem ganz nüchternen Grund: Die Schärfe liegt nicht da, wo ich sie haben wollte. Auch mir passiert es, dass der Fokuspunkt ungewollt auf dem Hintergrund statt dem Gesicht landet oder auf der Schulter statt den Augen.

Was ich wiederum nicht pauschal aussortiere, ist Bewegungsunschärfe. Es gibt Bilder, bei denen sie genau das trägt, was den Moment ausmacht – Mini, der durch den Raum rennt, eine Hand, die gerade loslässt. Wenn die Unschärfe stimmt, bleibt das Bild.

2. Wenn die Mimik nicht passt

Halbgeschlossene Augen, ein Gesichtsausdruck, der in genau dieser Sekunde unglücklich wirkt – solche Bilder fliegen natürlich raus, egal wie gut alles andere stimmt. Diese Art von Fotos lässt sich auch nicht vermeiden, das ist die Realität beim Fotografieren ohne Eingreifen.

Wenn du das nächste Mal einen Film schaust, drücke einfach mal random auf die Pause-Taste. Oft erwischt man einen Moment, in dem die Mimik bisschen lustig aussieht. Nichts anderes passiert natürlich auch beim begleitenden Fotografieren.

3. Wenn die Komposition nicht stimmt

Manchmal passt ein Bild in seinem Bildaufbau einfach nicht: Das liegt dann z. B. an einem störenden Element im Vordergrund, an einem ungünstigen Anschnitt, an einem komischen Blickwinkel oder an einem Gegenstand im Hintergrund, der die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich zieht. Auch dann fliegt das Bild raus, egal wie gut der Moment war.

Dazu sollte ich eventuell erwähnen: Als dokumentarische Familienfotografin manipuliere ich Bilder nicht. Das heißt, ich entferne keine störenden Objekte oder füge etwas hinzu. Ich tausche auch nicht den Himmel aus oder retuschiere Gesichter oder Körper. Das entspricht alles nicht meiner Philosophie.

4. Wenn der Moment ungünstig ist

Manchmal fotografiere ich in Sequenzen, weil sich echte Momente nun mal entfalten: Sie existieren nicht in einem einzelnen Standbild, sondern bahnen sich an und gehen auch wieder zu Ende. Meistens steckt das gelungenste Foto dann irgendwo in der Mitte: Das Lächeln, das gerade erst anfängt, oder die streichelnde Handbewegung, die schon wieder vorbei ist, gehören (eher) nicht dazu. Solche Bilder sortiere ich dann aus.

Wie das Bilder Sichten bei mir tatsächlich abläuft

dokumentarische-Familienfotografin-Bilder-sichten
Eine der Hauptaufgaben von Familienfotografinnen? Bilder sichten.

Was die meisten überrascht: Das Schwierigste und Zeitaufwändigste an meiner Arbeit ist nicht die digitale Bildentwicklung – es ist die Auswahl. Aus 500 bis 600 Aufnahmen einer dreistündigen Begleitung 50 bis 80 Bilder zu machen, dauert bei mir gut zwei Stunden.

Runde 1: Beim Import

Ich übertragene nie alle aufgenommenen Bilder von der Kamera in mein Bildbearbeitungsprogramm. Ungewollt unscharfe Aufnahmen, ungünstige Gesichtsausdrücke, halbgeschlossene Augen, offensichtliche Duplikate bleiben direkt draußen.

Oft importiere ich nur die Hälfte bis drei Viertel aller gemachten Aufnahmen, aber die sind grundsätzlich technisch als auch optisch gelungen.

Runde 2: Der erste Eindruck

Nach dem Import der übriggebliebenen Fotos markiere ich in einem ersten Schritt alle Bilder, die mir sofort ins Auge fallen, z. B. wegen des besonders schönen Lichts, der ungewöhnlichen Komposition oder eines besonders innigen/witzigen Moments.

Runde 3: Szene für Szene

Dann gehe ich alle Bilder szeneweise durch. Mit Szene meine ich beispielsweise: Wir sind auf dem Spielplatz, eine Szene ist beim Rutschen, eine andere beim Schaukeln. Oder zu Hause: Es wird gerade gegessen, dann im Kinderzimmer gespielt.

Für jede Szene wähle ich die gelungensten Aufnahmen anhand der beschriebenen Ausschlusskriterien aus und markiere sie.

Runde 4: Die Lupe

Bei Serienaufnahmen entstehen schnell zehn, fünfzehn fast identische Bilder. Hier kommen alle oben aufgeführten Kriterien zusammen – nicht als Ausschlussgrund, sondern als Vergleichsmaßstab. Ich schaue mir alle Fotos in voller Auflösung an und vergleiche dann direkt nebeneinander: Wo liegt die Schärfe wirklich? Welche Komposition trägt mehr? Wo stimmt das Licht, die Mimik, der Blickwinkel, die Gestik, der Hintergrund?

Am Ende wähle ich das eine Bild, das in dieser Kombination am stärksten ist und markiere auch dieses.

Runde 5: Das große Ganze

Jetzt schaue ich mir nur noch alle markierten Bilder an. Es sind immer noch viele, aber schon reduziert genug, um die wirklich besonderen zu erkennen.

Nun fange ich an, szenenübergreifend zu denken. Wenn ich z. B. drei Bilder habe, auf denen Mini getragen wird – aus verschiedenen Momenten der Begleitung –, vergleiche ich alle miteinander und behalte nur das eine stärkste. Bei den anderen beiden lösche ich die Markierung wieder.

Gleichzeitig achte ich darauf, dass alle beteiligten Personen in der finalen Bildauswahl ausgewogen vorkommen – dass also nicht eine Person die Galerie dominiert, während eine andere kaum zu sehen ist.

So reduziere ich alle Bilder Runde für Runde, bis am Ende keine Sammlung schöner Einzelbilder übrig ist, sondern eine dichte, ehrliche Erzählung.

Was das für deine Galerie bedeutet

Du bekommst nach der Fotobegleitung keine Aufnahmen, die technisch okay waren, sondern die, bei denen ich nach all diesen Sichtungsrunden noch sicher war, dass sie eure ganz eigene Geschichte erzählen.

Wenn du neugierig geworden bist, wie das in echten Begleitungen aussieht – von der Schwangerschaft über das Wochenbett bis in den Berliner Familienalltag, ohne Inszenierung und ohne Schnickschnack –, dann schau dir gern mein Portfolio an. Und wenn du das Gefühl hast, dass wir zusammenpassen könnten, dann schreib mir!

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner