Vor gut einem Jahr, an einem warmen Junitag, wurde mein Opi beigesetzt. Zum ersten Mal war ich als Erwachsene auf einer Beerdigung – und zum ersten Mal als Fotografin, die eine Trauerfeier begleitet.
Ein letztes Mal zusammen
In unserer Familie gibt es keine Fotos von Beerdigungen – keine Bilder davon, wie wir gemeinsam Abschied nehmen. Daher hatte ich mir vorgenommen, bei der Beisetzung meines Opis zu fotografieren, aus dem Wunsch heraus, meiner Mama und meiner Oma etwas zu schenken, das bleibt – und das ihnen vielleicht beim Trauern hilft.
Ich wollte es also so und war überzeugt, dass ich das schon hinkriegen würde. Denn obwohl ich meinen Opi sehr lieb gehabt habe, war unsere Beziehung keine enge. Wie das eben so ist mit Großeltern, die weiter weg wohnen.
So hatte ich mir das im Vorhinein überlegt. Und dann war der Tag da und alles kam ganz anders…
In der Stille vor der Trauerfeier
Bevor die Trauerfeier richtig losgeht, betreten meine Mama, mein Onkel und meine Oma – die Familie meines Opis – die Kapelle, um vorab auf Wiedersehen zu sagen. Wer ist noch anwesend? Ich. Um den Raum, die Blumen, die Urne in Bildern zu verewigen.
Es ist komisch: Während ich fotografiere, fühle ich mich seltsam unberührt. Als würde mich das alles primär gar nicht betreffen.
Als mich meine Doppelrolle einholt
Die Emotionen brechen sich erst während der Trauerfeier Bahn. Eine Trauerrednerin spricht, meine Mama tröstet ihre Mama – meine Oma. Die Tränen fließen mir die Wangen runter, meine Nase ist verschnoddert, mein Taschentuch nicht mehr brauchbar und ein zweites habe ich gerade nicht bei mir.
Stattdessen versuche ich mich möglichst lautlos durch die Kapelle zu bewegen, um die Trauerfeier festzuhalten. Mein Blick ist unscharf, weil Tränen alles verschwimmen lassen. Ich möchte mich eigentlich wieder neben meinen Partner setzen und Trost bei ihm finden. Stattdessen versuche ich, die Tränen aus meinen Augen zu drücken, um besser sehen zu können.
Ich merke, wie ich mich innerlich zusammenreiße. Denn ich habe mir fest vorgenommen, diese Beisetzung nicht ohne Erinnerungsbilder verstreichen zu lassen. Für mich selbst, aber vor allem auch für meine Mama und meinen Onkel, die ihren Papa verloren haben – und für meine Oma, die Abschied von ihrem Ehemann nahm.
Was ich beim nächsten Mal anders machen würde
Wie es lief? So lala. Es sind meines Erachtens nicht meine stärksten Fotos geworden – und ich weiß auch, warum. Diese Doppelrolle war zu viel für mich.
Was ich immer über dokumentarische Familienfotografie sage – es ist kaum möglich, selbst zu fotografieren und gleichzeitig präsent zu sein, aktiv am Geschehen teilzunehmen – ist beim Abschied nehmen auf einer Trauerfeier unmöglich. Jedenfalls für mich. Das weiß ich nun.
Beim nächsten Trauerfall, bei dem auch ich selbst trauere, werde ich wahrscheinlich darum bitten, dass wir eine unbeteiligte Fotografin finden, die die Feier begleitet. Denn dann kann ich selbst auch einfach nur Abschied nehmen.
Und dann blättert meine Oma die Seiten durch
Dennoch bin ich froh, dass ich fotografiert habe. Ich habe hinterher kleine Fotoalben angefertigt von der Beisetzung – jeweils eins für meinen Onkel, meine Mama und meine Oma.
Leider konnte ich es meiner Oma nicht selbst übergeben, das hatte Mama für mich gemacht. Und sie erzählte mir dann, wie sehr sich meine Oma gefreut und wie sie es unter Tränen mehrmals durchgeblättert hatte. Für dieses seelige Gefühl war es den schwierigen Spagat wert.
Die Fotos, die wirklich zählen
Diese Erfahrung hat mir etwas klargemacht, das ich vorher zwar wusste, aber nun wirklich verstehe: Die wichtigsten Bilder entstehen nicht erst beim Abschied. Sie entstehen vorher. In den ganz normalen Momenten – beim Sonntagsfrühstück, beim Spaziergang, beim Vorlesen auf dem Sofa. Momente, die sich im Alltag unbedeutend anfühlen und im Nachhinein unbezahlbar sind.
Wenn du das hier liest und gerade mitten in genau diesem Alltag steckst – mit kleinen Kindern, mit deiner Familie, mit all dem scheinbar Gewöhnlichen: Lass es festhalten. Nicht irgendwann. Jetzt.
Ich begleite Familien in Berlin dokumentarisch – in der Schwangerschaft, im Wochenbett, im Familienalltag. Schau gerne in mein Portfolio oder melde dich direkt bei mir. Ich freue mich, von dir zu hören.






